Das geraubte Wiegenlied der Mawcloych, Schottland

Es war in den Tagen, als die Menschen am Nordufer des Loch Leven noch in runden Hütten aus Weidengeflecht und Torf lebten. Damals hieß das Feld direkt über dem Wasser noch nicht Friedhof sondern Mawcloych, das „Feld der raunenden Steine“. Auf ihm ragten Zwei mächtige Megalithen in den Himmel, von denen einer eine breite, im Mondlicht schimmernde Ader aus reinem Rosenquarz besaß. Die Menschen wussten, dass diese Steine die Pforten zum Tiefenreich der Daoine Síth, des Feenvolks waren, und hielten nach Sonnenuntergang Abstand.

Eine junge Mutter brachte an einem späten Nachmittag ihr neugeborenes Kind in einem Weidenkorb an hinab zum Ufer. Während sie die Kleidung im kalten Seewasser wusch, legte sie den Korb in den sanften Schatten des Quarzsteins. Die Luft war warm und das Schilf wiegte sich leise im Wind.

Plötzlich veränderte sich das Geräusch des Windes. Aus den feinen Rissen des Rosenquarzes drang ein Ton, eine Melodie, so unendlich traurig und süß, dass die Hände der Mutter im Wasser innehielten. Jeder Ton fühlte sich an wie warmer, schwerer Schlaf, der sich auf ihre Augenlieder legte. Sie versuchte dagegen anzukämpfen, doch die Musik hüllte sie ein. Mit dem Kopf im feuchten Gras versank sie in einem tiefen, traumlosen Schlummer.

Als sie erwachte, stand die Dämmerung tief und kalt über dem See. Erschrocken fuhr die Mutter hoch und stürzte zum Korb. Ihr Kind lag darin. Es schien unversehrt, doch als sie es auf den Arm nahm, gefror ihr das Blut in den Adern. Das Baby weinte nicht. Es gab keinen Laut von sich. Seine Augen, die am morgen noch warm und voller Leben waren, starrten nun kalt, starr und tiefblau wie das dunkelste Wasser des Loch Leven an einem Wintertag. In den Wochen darauf wuchs das Kind nicht mehr, es lag nur da, starrte die Wände an und verzehrte gierig jede Nahrung, die man ihm anbot, ohne jemals satt zu werden. Die Ältesten des Dorfes erkannten das Unglück: Die Bean Síth, die Feenfrau unter den Wurzeln der Uferbäume, hatte das Weinen des Menschenkindes begehrt und es gegen einen Wechselbalg ausgetauscht.

Um ihr echtes Kind zurückzufordern, rieten die Ältesten der Mutter zu einer gefährlichen Tat.

In der Nacht des nächsten Vollmonds ging sie allein zurück zu den Steinen von Mawcloych. Sie goss frische Kuhmilch und gemahlene Gerste in die natürlichen Vertiefungen des Quarzsteins und begann, die Melodie zu singen, die sie in jener unseligen Stunde gehört hatte, denn sie hatte sich tief in ihr Gedächtnis gebrannt. Sie sang das Lied rückwärts, Note für Note, um den Zauber umzudrehen.

Als der letzte Ton im Nebel des Sees verhallte, öffnete sich ein Spalt im Boden zwischen den beiden Megalithen. Ein leises, unheimliches Lachen ertönte, und der Wechselbalg in den Armen der Mutter löste sich in eine Handvoll trockenes Schilf und Seeschlamm auf. Im selben Moment lag ihr echtes Kind im Korb und ihr liefen die Tränen vor Glück.

Seitdem wurde das geraubte Wiegenlied von den Müttern von Orwell von Generation zu Generation weitergegeben.

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