Das Feuer knisterte leise, als die Tür beinahe lautlos aufglitt. Ein Windstoß trug den Duft von feuchtem Laub und baldigem Schnee hinein. Und etwas anderes. Etwas, das nach einer anderen Welt und nach unendlicher Traurigkeit roch.
Genevieve, die gerade hinter dem Tresen hölzerne Becher sortierte, hielt mitten in der Bewegung inne. Als Wirtin dieser Taverne hatte sie viel gesehen. Doch hier war etwas falsch und sie musterte die Gestalt an der Tür.
Ein kleines Mädchen stand dort. Sie war barfuß, ihr Kleidchen schmutzig und abgetragen. Sie wirkte müde, so als trüge sie die Last einer ganzen Welt auf ihren schmalen Schultern. In ihren zarten Händen hielt sie etwas so behutsam, als hätte sie Angst ein einzelner Atemzug würde es zerbrechen. Interessiert zog Genevieve eine Augenbraue hoch. Das Kaminfeuer warf keinen Schatten hinter die Kleine. Da war einfach nichts.
Stattdessen wand sich eine rauchzarte, tiefe Schwärze in ihren Händen. Selbst für Genevieve war ein Mensch, der seinen Schatten außerhalb des eigenen Körpers trug, eine seltene Erscheinung.
Doch anstatt ihre Neugier in Worte zu fassen, schwieg Genevieve. Sie drängte sich nicht auf. Mit einem sachten, einladenden Nicken deutete sie stattdessen auf den Sessel am prasselnden Kamin.
Das Mädchen schlich näher. Sie blickte sich mit großen, verängstigten Augen um, unfähig zu begreifen, an was für einem Ort sie gelandet war. Sie setzte sich behutsam auf die Kante des Sessels.
Genevieve trat leise an sie heran, stellte eine Tasse warmen Kakao auf den kleinen Tisch und setzte sich auf einen Schemel ihr gegenüber. „Hier bist du sicher, Kleines.“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Niemand tut dir hier etwas. Du musst keine Angst haben.“
Die weich gesprochenen Worte schienen einen Damm im Inneren des Kindes zu brechen. Ihre Schultern sackten ab. Sie blickte auf ihre Hände, in denen der Schatten unruhig pulsierte.
„Er hat immer Hunger“, erzählte das Mädchen mit brüchiger Stimme. Sie sah Genevieve nicht an, aber sie brauchte ein Ventil für ihre Not. „Er war plötzlich da. Nach… nach den ganzen schlimmen Dingen zu Hause. Seitdem geht er nicht mehr weg. Ich habe furchtbare Angst vor ihm“, ihre Augen begannen sich mit Tränen zu füllen, „Aber ich darf ihn nicht ignorieren. Wenn ich wegschaue, wird er größer. Und dann fängt er an zu flüstern. Ganz böse, dunkle Dinge…“ Sie schluchzte leise auf, während ihr die Tränen über die Wange kullerten. Ein Bild vollkommener Verzweiflung.
Genevieve lauschte still. Ihre Augen fixierten die rauchigen Konturen des Schattens, der blind nach der Wärme des Feuers zu tasten schien. Sie verstand, was hier vorging.
Sie öffnete gerade den Mund, um zu antworten, als die Magie des Moments jäh zerrissen wurde.
WUMMS!
Die Tavernentür flog mit einer Wucht auf, die die Gläser im Regal erzittern ließ. Ein Wirbel aus buntem Herbstlaub und lautstarken Flüchen fegte herein.
„Verflixt nochmal! Schon wieder hier?“, brüllte eine vertraute Stimme noch bevor der Staub sich legte. Es war Bartholomäus. Ausdruckslos musterte Genevieve ihn, wie er darstand. Grauer Rauschebart, wilder Haarschopf, auf seiner Hakennase eine runde Brille. Sein blaugraues Gewand flatterte, als wäre es genau so zornig wie er selbst. Sie seufzte.
„Ich schwöre bei allen Sternen und Wegen, dieses verflixte Ding ist zu NICHTS nütze!“. Damit stapfte er herein und knallte einen sich wild drehenden Kompass auf den nächstbesten Tisch, dieser knackte beleidigt.
Im selben Wimpernschlag reagierten das Mädchen und der Schatten wie ein einziges Wesen: Das Kind zuckte heftig zusammen, machte sich klein und presste die Arme an den Körper. Exakt im selben Rhythmus zog sich auch die Schwärze zu einem winzigen Punkt zusammen. Interessant!
Genevieve atmete ruhig aus. „Schön, dass du auch wieder da bist.“
Er riss den Kopf hoch und fuchtelte mit den Armen. „Schön? Das hier ist ein Fluch, Wirtin! Ein kosmischer, verdammter Fluch! Jedesmal wenn ich denke, ich hab die richtige Abzweigung gefunden, lande ich…“, er sah sich um und entdeckte dabei das verängstigte Kind, „…in dieser gemütlichen, kleinen Falle!“
Die Wirtin zog die Augenbrauen hoch. „Es ist keine Falle. Es ist eine Taverne.“
Der Mann stapfte hin und her.
„W…wer ist das?“, hörte Genevieve die leise Stimme des Mädchens fragen. Mit einem warmen Lächeln sah sie sie an. „Das, meine Kleine, ist Bartholomäus.“, mit einem Seitenblick zu ihm fügte sie hinzu „Und er ist harmlos, meistens.“ Sie angelte routiniert einen Becher aus dem Regal und fügte hinzu „ Er hat die kuriose Angewohnheit sich zu verirren.“ „Ich VERIRRE mich nicht!“, Bartholomäus fuchtelte wild mit den Armen und der Kompass drehte sich hysterisch im Kreis.
„Ich folge Karten. Sternen! Pfaden! Und dann WUSCH“, er warf die Arme in die Luft, „lande ich wieder hier, wie ein verflixter Bote ohne Ziel.“
Genevieve hörte kaum zu. Ein wenig Hopfen, ein Hauch Baldrian und heißes Wasser. Sie stellte den dampfenden Becher genau vor seiner Nase ab. „Trink“, befahl sie ihm mit amüsierter Stimme. Einen Augenblick später saß Bartholomäus entspannt mit der Tasse in den Händen, als hätte er nichts anderes vorgehabt.
Die Wirtin wandte sich wieder dem Mädchen zu. Das Poltern war vorbei und die Stille kehrte zurück.
„Was glaubst du, was er braucht, um satt zu werden?“ fragte sie und nickte in Richtung des Schemens.
„Ich…ich weiß es nicht“, flüsterte das Mädchen verzweifelt. „Egal was ich versuche, es reicht nicht.“
Genevieve lächelte leicht und im Kamin knackte es. Ein Funke sprang hinaus, dann noch einer und es klang, als würde ein Kind lachen. Ein glühender Lichtball purzelte aus dem Kamin auf den Teppich direkt vor das Mädchen. Er schüttelte sich und formte sich zu einer kleinen, flackernden Gestalt.
Mit großen Augen schnappte die Kleine nach Luft. „Das ist Calen, vielleicht kann er Licht ins Dunkel bringen.“ Ihr war die Wortwahl mehr als bewusst. Das uralte Feuerkind und Herz der Taverne hatte die Angewohnheit, zu wissen, was es brauchte um zu heilen.
Das Mädchen hielt den Atem an. Ihre Neugier siegte über die Angst. Auch der Schatten in ihren Händen entspannte sich und hob sich leicht dem warmen Leuchten entgegen.
Calen sprach nicht, aber er verströmte ein tiefes, liebevolles Knistern. Schritt für Schritt trat er näher, bis sein goldenes Licht den Schatten voll erfasste. Doch das Licht vertrieb die Dunkelheit nicht. Es beleuchtete sie nur.
Unter dem warmen Schein des Feuerkinds veränderte der Schemen seine gruselige, formlose Gestalt. Er wurde weicher. Das Mädchen starrte darauf, und plötzlich weiteten sich ihre Augen. Die Konturen der Schwärze zeigten keine Fratze, kein furchterregendes Monster. Der Schatten spiegelte die Kontur eines kleinen, weinenden Kindes wider, ihre eigene Kontur.
Zögernd streckte das Mädchen die Fingerspitzen nach der dunklen Gestalt aus. Zum ersten Mal empfand sie keine Angst und auch der Schatten wich nicht zurück.
Er schmiegte sich ihrer Berührung entgegen.
Es war eine hochemotionaler Moment.
„Du kannst dich nicht vor deinem Schatten verstecken, Kleines“, raunte Genevieve mit unendlichem Mitgefühl. „Manchmal macht es mehr Sinn, der Angst direkt ins Gesicht zu blicken. Er will dir nichts tun.“
Tränen traten dem Mädchen in die Augen, als die Wahrheit sie wie ein warmer Schlag traf. „Du…du bist ja nur ich“, flüsterte sie fassungslos. Der verdrängte Schmerz, die Angst vor den schlimmen Dingen, das war es, was sie die ganze Zeit in den Händen gehalten hatte.
In dem Moment, als sie aufhörte, den Schatten als ihren Feind zu sehen, geschah das Wunder. Die Schwärze verlor jede Bedrohlichkeit. Sie wurde rund und weich. Schmiegte sich vertrauensvoll in ihre Handflächen wie eine schlafende Katze. Und dann floss sie ganz sanft in sie hinein, direkt in die kleine Brust, aus der der Schatten einst entsprungen war.
Das Mädchen tat einen tiefen, befreiten Atemzug, den ersten seit einer Ewigkeit. Ihr Gesicht wandelte sich. Es war kein plötzliches fröhliches Strahlen, dafür saß das Erlebte noch zu tief. Aber die lähmende Schwere wich einer stillen Leichtigkeit. Ihr eigener Schatten lag nun wieder genau dort, wo er hingehörte: als sanfter, unaufdringlicher Begleiter zu ihren Füßen.
Sie blickte an sich herab, dann zu Genevieve. Die Erleichterung in ihren Augen wurde prompt von einer neuen, bangen Frage abgelöst. Sie sah sich in der Taverne um.
„Ich…ich weiß gar nicht wie ich nach Hause komme“, flüsterte sie und die alte Angst drohte kurz wieder aufzuflackern. „Ich weiß nicht, wie ich hergekommen bin.“
Bartholomäus, der immer noch am Tisch saß, schnaubte leise in seinen Bart und schüttelte den Kopf. „Nach Hause? Von hier aus? Vergiss es, Mädchen. Wer einmal hier landet, ist gefangen im kosmischen Kreisel. Ich versuche es seit einer Ewigkeit, und schau mich an, ich bin der Beweis dafür, dass es kein Entkommen gibt.“
Genevieve schenkte dem Alten einen vielsagenden Blick, der ihn augenblicklich verstummen ließ. Dann wandte sie sich wieder dem Kind zu und kniete sich auf eine Höhe mit ihr.
„Glaub ihm kein Wort“, flüsterte die Wirtin ihr zu. „Bartholomäus sucht nach Wegen und Sternen. Aber dieser Ort funktioniert anders. Das ist ein Schwellenort. Der Ort, an dem sich alle Schwellen der Welten einen.“ Sie legte dem Mädchen sanft die Hand auf die Schulter und deutete auf die schwere Holztür. „Auch die Schwelle zwischen Tag und Traum. Du musst nur durch diese Tür gehen, Kleines. Auf der anderen Seite wirst du die Augen öffnen und in deinem Bett aufwachen.“
Das Mädchen starrte die Tür an. „Und… was passiert dann? Mit den schlimmen Dingen?“
„Sie werden nicht einfach weg sein“, sagte Genevieve ehrlich, ohne falsche Versprechungen zu machen. „Aber du trägst deinen Schatten jetzt wieder dort, wo er hingehört. Du bist nicht mehr im Zwiespalt. Und wie es von da weitergeht…nun, das weiß nur die Zeit.“
Das Kind nickte langsam. Es war nicht diese Art von Happy End, aber es war ein Weg. Sie sah noch einmal zu Calen, der ihr aus dem Kamin ein letztes Mal warm zuknisterte. Dann ging sie festen, wenn auch müden Schrittes zur Tür, drückte die Klinke nach unten trat hinaus in das diffuse Licht der Schwelle.
Die Tür schloss sich hinter ihr mit einem sanften, endgültigem Klick.
Zurück blieb nur das friedliche Knistern des Feuers.
Genevieve erhob sich, strich ihre Schürze glatt und ging hinüber zu Bartholomäus, der ungläubig auf die geschlossene Tür starrte. Er schob seine Brille hoch, „Ein Schwellenort zwischen Tag und Traum? Ernsthaft? Warum funktioniert das bei ihr und ich lande immer wieder hier?“
Genevieve zog einen Stuhl heran und setzte sich zu ihm an den Tisch. „Vielleicht, weil sie bereit war, dorthin zu gehen, wo es wehtut, Bartholomäus“, sagte sie mit einem feinen, geheimnisvollen Schmunzeln. „Und jetzt erzähl mir doch nochmal ganz in Ruhe deine Geschichte. Wie war das noch gleich mit dem Bücherregal?“
Hinter der Schwelle: Gedanken zur Schattenarbeit
Was wir im Alltag oft als „Dämonen“, Ängste oder traumatische Nachbeben unserer Psyche erleben, versucht unser Unterbewusstsein oft krampfhaft vor der Außenwelt zu verstecken. Doch je mehr wir wegschauen, desto lauter fangen diese Anteile an zu flüstern.
In der Taverne von Vaeluna wird das Dunkle nicht vertrieben. Calens Licht vertreibt die Dunkelheit nicht, es beleuchtet sie nur. Heilung beginnt in dem Moment, in dem wir aufhören, unseren Schatten als Feind zu betrachten, und erkennen, dass er lediglich ein verletzter, ungehörter Teil unserer eigenen Kontur ist. Er will uns nichts tun; er will integriert werden.
Während das Mädchen den Schwellenort sicher verlässt, bleibt ein unruhiger Gast am Tresen zurück. Erfahrt im nächsten Kapitel, warum der Gelehrte Bartholomäus den Lichttunnel verweigerte und wie er an den mysteriösen Kompass gelangte.

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