Das Feuer im Kamin knackte fröhlich zu so später Stunde vor sich hin. Abgesehen davon war es still geworden. Das kleine Mädchen und ihr Schatten waren die letzten Gäste in dieser Nacht gewesen. Obwohl, nein, das stimmte nicht ganz.
Genevieve setzte sich auf den alten Holzstuhl gegenüber von Bartholomäus und sah ihn erwartungsvoll an. Dieser saß noch immer ungewöhnlich still da. Die Ellbogen auf das morsche Holz des Tisches gestützt. Zwischen den knochigen Fingern den Kompass und schaute ihn nachdenklich an. Dessen Nadel zuckte nervös, vollführte eine hysterische Drehung gegen den Uhrzeigersinn und blieb dann zitternd auf einer x-beliebigen Position stehen. Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher, schob die Brille auf seiner Nase hoch und schnaubte unwillig.
„Warum muss es immer Baldrian sein?? Das schmeckt als hätte man Wiese in heißem Wasser ausgekocht.“
Genevieves Mundwinkel zuckten leicht, „Baldrian hat eine beruhigende Wirkung. Ich dachte, das könntest du brauchen.“. Als Antwort folgte lediglich ein erneutes Schnauben. Sie betrachtete ihn weiterhin.
„Verflixt nochmal, Wirtin…du hast diesen Blick“, brummte er und fuchtelte mit der freien Hand in ihre Richtung. „Diesen Ich-weiß-was-das-du-nicht-weißt-Blick. Als hättest du die Antwort auf das gesamte verflixte Universum schon parat, noch bevor ich überhaupt die richtige Frage gefunden hab.“
Ihre Mundwinkel zuckten erneut und diesmal bahnte sich ein kleines Lächeln den Weg an die Oberfläche. „Vielleicht, Bartholomäus. Oder vielleicht warte ich einfach nur darauf, dass du aufhörst, dich über den Tee zu beschweren, und du mir mal endlich deine vollständige Geschichte erzählst.“ Er schaute sie über den Rand seiner Brille hinweg an, „Meine…vollständige Geschichte?“
„Ja, es gibt sicherlich Gründe warum du immer wieder hier landest. Vielleicht hilft es uns beiden besser zu verstehen, warum das so ist“
Bartholomäus dachte nach. Er schnaubte widerwillig, als er auf seinen Kompass starrte. Die Nadel vibrierte wie eine spöttische Motivation.
Er lehnte sich zurück, der Ausdruck des Widerwillens wich einem unbändigen, fast schon fiebrigen Leuchtens in seinen Augen. Es folgte ein Nicken Richtung Kompass, „Weißt du, das Ding da hat eine eigene Philosophie. Es dreht sich definitiv nicht Norden, sondern scheinbar nach Sinn. Ich hab die verflixte Formel nur noch nicht raus.“ Ein winziger Funken Ehrfurcht schlich sich in seine raue Stimme. „Aber das sollte mich nicht wundern. Schließlich begann dieses ganze Schlamassel an dem Tag… an dem ich starb.“
Genevieve zog eine Augenbraue hoch und musterte ihn ruhig, fast schon abwartend.
Er stieß ein trockenes Lachen aus. „Ich war nie ein Held, Wirtin. Keine glänzende Rüstung, kein Schwert, kein dramatischer Gifttod am Hofe eines Königs. Nur ein Mann mit weitaus mehr Büchern, als Lebensjahren. Ein Gelehrter, der seine gesamte Existenz in Tinte, Papier und staubigen Randnotizen gemessen hat.“ Er tippte auf seine Brillengläser, als müsse er dieser Aussage mehr Gewicht verleihen.
„Mein Archiv… ach, mein wunderbares Archiv. Wandregale so voller Bücher, dass selbst die Spinnen dort freiwillig Lesepausen einlegten. Es roch nach zerfallenem Leder, nach jahrhundertealter Eisengallustinte und nach getrockneten Pressblumen, die irgendwer vor Urzeiten als Lesezeichen irgendwo vergessen hatte. An diesem verflixten Tag suchte ich nach einem ganz bestimmten Werk. Einem uralten Mythos aus einer geheimnisvollen Welt Namens Vaeluna. Und natürlich lag es ganz oben. In den obersten, unerreichbaren Reihen, direkt unter dem staubigen Dachgebälk. Wo auch sonst?“, er schnaubte belustigt, „Ich schwöre dir, Bücher besitzen einen ausgeprägten Sinn für Humor.“
Er faltete die schmalen, tintenbefleckten Finger vor dem Bauch und blickte an die Decke der Taverne. Genevieve beschlich der Gedanke, dass er die Szenerie gerade nochmal Revue passieren ließ. Doch da sprach Bartholomäus auch schon weiter: „ Also rauf auf den alten Holzschemel, diesen wackeligen, den ich übrigens seit Jahren reparieren wollte. Meine Fingerspitzen waren fast dran…ich spürte das raue Kalbsleder des Einbands bereits…und dann: schwupps.“
Er riss die Arme in die Höhe und simulierte den Sturz äußerst bildhaft. „Der Schemel splitterte, und der gesamte Regalabschnitt kam ins Rutschen. Hunderte Jahre geballtes Wissen, tonnenschwere Bücher, ungebremst direkt auf meinen Schädel. Ein Gelehrter! Buchstäblich von der Weisheit erschlagen.“, er hielt inne und eine Wärme legte sich in seine Stimme, „Weißt du, was mein letzter Gedanke war? Kein „Oh Nein.“ oder „Warum ich?“ Nur ein schlichtes, akademisches: Interessant. Das fühlt sich verdammt nach Kapitelende an.“
In der Taverne herrschte für einen Moment vollkommene Stille. Nur das Kaminfeuer knackte leise im Hintergrund.
„Danach… kam erstmal nichts. Keine Bücher, kein Körper, kein Schmerz. Nur eine unendliche Schwerelosigkeit. Und genau dort, im raumlosen Übergang stand sie.“ Bartholomäus sog scharf die Luft ein. „Eine Lady in Schwarz. Aber ihr Kleid schien nicht aus gewöhnlichem Stoff, Wirtin, nein, es wirkte, als hätte die Nacht sich selbst in schweres Samt gekleidet. Und um sie herum… Krähen. Ein ganzer verflixter Schwarm aus Schnäbeln und Federn. Die Vögel schienen aus dem Nichts zu entstehen, wie dunkle Tinte die in Wasser tropft. Und ihre Augen…“, Bartholomäus hielt inne und setzte sich aufrechter hin, „Ich schwöre dir, diese schwarzen Augen haben direkt in mein Innerstes geschaut.“
Er stieß ein Lachen aus und Genevieve legte fragend den Kopf schief.
„Mein allererster Impuls als frischgebackener Toter? Keine Ehrfurcht oder nackte Angst, Sondern die professionelle Einschätzung: Verflixt nochmal, was ein dramatischer Auftritt!“
Bartholomäus verstellte die Stimme, senkte sie zu einem tiefen, theatralischen Flüstern und ahmte die Todesbotin nach: „Es ist Zeit, Gelehrter. Der Faden ist durchtrennt.“
Er lehnte sich weit über den Tisch nach vorne. „Und ich alter Narr steh da, tot wie ein Fisch, blicke auf den Schwarm und sagte furztrocken: „Warten Sie mal. Bevor wir gehen, die Anatomie Ihrer Vögel ist faszinierend. Entstehen die Federn aus dem Nebel, korreliert das mit der Dichte der Seelen?“
Genevieves Mundwinkel bebten jetzt merklich vor unterdrücktem Amüsement. Sie stellte den Becher ab. „Und was hat Beatrix gesagt?“
„Sie sah mich an“, fuhr er fort, sichtlich erfreut über Genevieves Neugier. „Lange. Eine Ewigkeit lang. Da war kein Spott in ihrem Blick, keine Eile.
Eine Krähe landete auf meiner schulterlosen Geisterpräsenz und versuchte, an meinen Haaren zu knabbern. Die Lady neigte den Kopf und sagte irgendwann „Du bist gestorben, Bartholomäus. Das hier ist kein Seminar“.
Er lehnte sich wieder zurück, nahm einen Schluck seines mittlerweile wahrscheinlich kalten Tees, verzog kurz das Gesicht und sprach dann weiter: „Und ich sturrer, alter Gelehrter durch und durch, zuckte nur die Schultern: „Und? Sterben ist doch auch nur ein Umweg. Was würde passieren, wenn ich mich einfach weigere?“
Er umklammerte den Kompass. „Da hat sie gelächelt. Nur ganz leicht. Und sie sagte: „Wenn du diesen Pfad ohne meine Führung geht’s, wirst du dich verlaufen, Gelehrter. Du wirst niemals ankommen. Das Jenseits kennt keine Bibliotheken.“
Ein kurzes, fast ehrfürchtiges Schweigen legte sich über den Tisch.
„Und ich? Ich hab mich höflich bedankt und bin natürlich trotzdem einfach weitergegangen. Eigenhändig. Mitten hinein ins absolute Nichts. Weg von diesem Lichttunnel, weg von ihren Krähen. Ich dachte, ich überliste das System.“ Er schüttelte den Kopf ungläubig. „Was für ein Irrglaube! Es folgte eine Wanderung, Wirtin, die ich keinem Lebenden beschreiben kann. Kein Boden unter meinen Füßen, kein Himmel über mir, nur eine schneidende… Kälte. Ein Nebel, der nicht aus Wassertropfen bestand, sondern aus purem Vergessen. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde eine Erinnerung weggewischt werden. Ich vergaß den Namen meiner Katze. Ich vergaß das Gesicht meiner Mutter…alle Details wurden nach und nach ausradiert. Es gab nur noch diese eine fixe Idee in meinem Kopf: Weitergehen.“
Bartholomäus rieb sich die Hände. Es schien Genevieve als spüre er noch immer den Frost der Zwischenwelt in seinen Knochen.
„Und dann…plötzlich Licht. Ich dachte schon: Halleluja, jetzt wird’s besser. Aber Pustekuchen! Stattdessen stand ich mitten in einer verflixten Wüste. Aber das war keine Sandwüste! Es war Staub, Wirtin! Feiner, grauer Staub. Jedes Mal, wenn ich einen Schritt tat, wirbelte ich die Asche von scheinbar Million vergessener Geschichten auf. Die ganze Luft roch nach verstaubter Historie…ich kann es nicht besser erklären.“
Seine Augen blitzen wieder auf. „Über mir spannte sich ein Himmel wie kurz nach dem Sonnenuntergang. Zwei gigantische Monde thronten darin und brannten in einem fahlen Violett. Und inmitten dieser unwirklichen Einöde ragte eine Pyramide auf. Sowas hab ich noch nicht gesehen.“, er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, „Sie schien aus purem Licht zu bestehen. Violett und Gold, wie gegossener Abendhimmel. Und sie summte. Ein tiefer, vibrierender Ton, der sich direkt in mein Innerstes brannte und gleichzeitig so bekannt wirkte.“
Er sprach nun in einem fast kindlichen, staunenden Ton, ganz ohne seine gewohnte Hektik.
„Natürlich bin ich direkt hingestapft. Es gab keinen Eingang in dem Sinne. Keine Tür. Nur eine Lichtfläche, die wie Haut nachgegeben hat beim Drauftreten. Die Wände schimmerten eigentümlich, das Licht schwamm förmlich darin. Und genau in der Mitte: Ein schlichter, kleiner Sockel aus dunklem Gestein. Und darauf lag er.“ Er tippte mit dem Zeigefinger hart auf das Glas des Kompasses. „Dieses verflixte Ding. Als hätte irgendeine höhere Instanz das Teil dort abgelegt und gesagt: „Warte hier, irgendwann kommt ein schrulliger Trottel und steckt es ein.“
Er lachte herzlich auf, ein Geräusch, dass die Gemütlichkeit der Taverne wieder zurückholte. „Tja, ich habe ihn berührt, das Summen hörte auf, die Pyramide kollabierte zu einem winzigen Funken. Ich war froh, dass ich noch rechtzeitig rausgerannt bin. Danach hatte ich plötzlich meinen Körper wieder. Und seitdem trage ich das Ding mit mir rum und lande in schöner Regelmäßigkeit… exakt hier. An deinem Tresen.“
Genevieve schwieg. Ihr Blick verlor sich für einen Moment in der Unendlichkeit der Schwellenwelten, dorthin wo Beatrix ihre Kreise zog und wo Vaeluna im Verborgenen wartete. Dann lächelte sie tief. „Du bist wirklich ganz schön weit gegangen, Bartholomäus. Weiter als die meisten Lebenden und erst recht weiter als die, die sterben.“
„Weißt du, ich bin wirklich weit gereist, seit dieser seltendämliche Unfall mit dem Bücherregal passiert ist, aber ich habe diese Wüste nie wieder gefunden.“
Die Wirtin fuhr mit den Fingerspitzen sanft über das glatte Holz des Tisches. „Manche Wege führen genau dahin, wo sie hinführen sollen oder wo sie sein sollen. Der Kompass führt dich nicht falsch.“
„Soll ich dieser verflixten Lichtpyramide jetzt danken, dass ich mein Dasein als wandelnder Irrläufer in deiner Schankstube friste?“, blinzelte er skeptisch durch seine runden Gläser.
„Vielleicht?“
In exakt diesem Moment begann der Kompass in seiner Hand heftig zu vibrieren. Das Messinggehäuse leuchtete subtil auf. Die wilde Nadel, die eben noch hysterisch kreiste, blieb für die Dauer eines Herzschlags stockstill stehen. Sie zeigte mit eisernem, unumstößlichen Urteil direkt auf Genevieve.
Bartholomäus, der schon wieder nach seiner abgekühlten Teetasse griff, bemerkte es gar nicht. Er trank seinen letzten Schluck, „Weißt du, manchmal glaube ich einfach dieses kleine Mistding verascht mich einfach. Ich hab zu Lebzeiten so gut wie jede Antwort gefunden und seit diesem verflixten Tag fühle ich mich nicht mehr wie ein Gelehrter, sondern ein unwissender Narr.“
Genevieve sah auf die Kompassnadel, die auf ihr Herz deutete, und lächelte leise in sich hinein. „Oder es zeigt dir einfach nur, dass du genau da bist, wo du sein sollst.“
Er grinste schief und erhob sich. Groß und schlaksig, wie immer ein wenig unordentlich mit seinem zerknitterten Gewand. „Na dann wollen wir mal sehen, wohin es mich als Nächstes nicht schickt.“ Er stapfte zur schweren Holztür. „Aber eins sag ich dir, Wirtin: Wenn das hier alles nur ein einziger kosmischer Umweg ist…dann ist es verflixt nochmal der beste Umweg überhaupt.“
Er drückte die Klinke nach unten und ein Schwall herbstlich kalte Nachtluft drang hinein, Doch draußen wartete nicht die erwartete Schwärze und der Nebel.
Eine Gestalt stand an der Türschwelle. Schemenhaft und durchsichtig wirkte die Frau mittleren Alters. Genevieve musterte sie interessiert.
Bartholomäus hielt mitten im Schritt inne und blinzelte verwirrt, „Verflixt… äh, Nabend.“
Er machte einen irritierten, fast schon eleganten Bogen um die Erscheinung stapfte hastig hinaus in die Dunkelheit. Ein leises, verhallendes „Verflixt nochmal, wo sind die Sterne den schon wieder?“ getragen vom Wind, war das Letzte, was von ihm zu hören war.
Die Frau drehte langsam den Kopf zu der Wirtin, sichtlich überrascht überhaupt wahrgenommen worden zu sein. Ihre Stimme klang brüchig, wie das Knistern einer alten Tonbandaufnahme, als sie sprach: „Ich… ich muss ihm helfen. Meinem Jungen. Bevor…“ Der Rest ihrer Worte verging als lautloses Flüstern.
Genevieve ging bereits mit lautlosen Schritten auf die Frau zu.
„Komm herein, meine Liebe.“, sagte sie sanft.
Die Frau nickte langsam und trat ein. Die Wirtin legte ihr behutsam die Arme auf die Schultern und führte sie zum Kamin. Mit jedem Schritt bekam die Unbekannte mehr Festigkeit und Kontur.
Anscheinend hatte noch in dieser Nacht ein wahrhaftiger Geist die Taverne gefunden.
Das Kaminfeuer knackte leise zur Begrüßung.
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