Ein ungelöster Mord zwischen Kriminalgeschichte, Hexenfolklore und den Schatten der Anderswelt
Worcestershire, England, 18. April 1943: Vier Jugendliche wildern in den dichten, düsteren Hagley Woods. Auf der Suche nach Vogelnestern entdecken sie eine gigantische, hohle Bergulme. Als einer der Jungen in den hohlen Stamm blickt, starrt ihm die nackte Urangst entgegen: Im Inneren des Baumes ruht ein menschliches Skelett.
Was die Jungen fanden, sollte die britische Kriminalgeschichte für immer verändern und eines der unheimlichsten Rätsel der modernen Folklore begründen.
Die nackten Fakten: Eine grausame Exekution
Die polizeiliche Obduktion brachte schockierende Details ans Licht:
- Das Opfer: Eine etwa 35-jährige Frau, die mindestens ein Kind zur Welt gebracht hatte.
- Die Todesursache: Sie wurde grausam erstickt – tief in ihrer Kehle steckte ein Stück Stoff.
- Der Todeszeitpunkt: Etwa Oktober 1941, rund 18 Monate vor dem Fund.
- Das makabre Detail: Ihr Körper muss noch warm gewesen sein, als der Mörder sie mit Gewalt in den engen, hohlen Stamm presste.
Doch wer war die Unbekannte? Da die Polizei im Kriegstrubel keine Identität feststellen konnte, blieb der Fall kalt – bis die Wände zu sprechen begannen.
Ab 1944 tauchte in der Region mysteriöses Kreide-Graffiti auf: „Who put Bella in the Wych Elm?“ (Wer hat Bella in die Hexenulme gesteckt?). Die Tote hatte plötzlich einen Namen: Bella. Bis heute wird dieses Graffiti von Unbekannten an historischen Orten wie dem nahegelegenen Wychbury-Obelisken erneuert.
Profane Theorien: Spione und das Rotlichtmilieu
Die Ermittler verfolgten zwei klassische, aber dennoch düstere Spuren:
- Die Spionagetheorie: Bella war in Wahrheit die deutsche Agentin Clara Bauerle (Spitzname: „Clarabella“). Sie soll mit dem Fallschirm über den Midlands abgesprungen, von den eigenen Leuten verraten und im Baum liquidiert worden sein.
- Die Tragödie: Eine andere Spur führte ins lokale Milieu. Bella könnte eine Sexarbeiterin gewesen sein, die von einem Freier im Rausch getötet und hastig im Wald versteckt wurde.
Die okkulten Fäden: Ein rituelles Hexenopfer?
Hinter der Fassade eines gewöhnlichen Verbrechens verbirgt sich jedoch ein Labyrinth aus keltischen Mythen und Hexen-Lore. Die Anthropologin und Hexenexpertin Professor Margaret Murray schaltete sich damals ein und war überzeugt: Hier fand ein uraltes Ritual statt.
1. Die abgehackte „Ruhmeshand“
Bellas Skelett war unvollständig. Eine ihrer Hände abgetrennt. Während die Polizei an Tiere glaubte, sah Murray darin die Erschaffung einer „Ruhmeshand“. In der europäischen Hexenfolklore gilt die präparierte Hand eines Toten, kombiniert mit einer Kerze, als mächtiges Artefakt, das Dieben magische Kräfte verleiht und Menschen in Tiefschlaf versetzt.
2. Das magische Siegel der Hexenulme
Der Name des Baumes ist Programm. Zwar leitet sich „Wych Elm“ vom altenglischen Wort für „biegsam“ ab, doch im Volksmund wurde er zur „Witch Elm“ (Hexenulme). In der keltischen Mythologie gilt die Ulme als direktes Portal zur Anderswelt und Wächter der Totenhügel.
Da Ulmenholz extrem zäh ist und traditionell für Särge genutzt wurde, hat das Einsperren im Baum eine zutiefst makabre Bedeutung: Es ist eine Geisterbannung. Indem der Mörder den noch warmen Körper in das lebende Holz presste, erschuf er ein magisches Siegel. Der unruhige Geist der Ermordeten sollte im permanenten Gefängnis zwischen den Welten gefangen bleiben, um weder den Wald verlassen noch die Mörder verfolgen zu können.
3. Blutige Parallelen
Nur wenige Kilometer entfernt wurde 1945 der Landarbeiter Charles Walton ermordet aufgefunden – mit einer Heugabel an den Boden gespießt, ein klassisches Motiv eines rituellen „Korndämonenopfers“. Zufall? Oder trieb ein geheimer, ländlicher Hexenzirkel in den Midlands sein Unwesen? In beiden Fällen schaltete sich Murray ein und in beiden Fällen ging es um rituelle Fixierung. Der Fall von Walton gilt als Schwesternfall.
Die Brücke zur Legende: Der gefangene Feenkönig
Wie tief dieser Fall in der britischen Lore verwurzelt ist, zeigt eine alte Sage aus den schottischen Border-Regionen: Die Legende vom gefangenen König in der Bergulme.
Die Sage erzählt von einem grausamen Feenkönig des dunklen Hofes, der die Menschen tyrannisierte. Da man Feenwesen nicht mit Eisen töten konnte, ohne den Zorn ihres Hofes zu wecken, lockte eine weise Frau den König in einer Neumondnacht in einen Hain aus Bergulmen. Sie bestrich die Rinde einer hohlen Ulme mit Silber, Holunder und Eisenkraut und trieb ihn mit einem Bannspruch in das Loch des Stammes.
Sobald er den Kern berührte, saugten die energetischen Fasern des Baumes seine Magie auf. Er verschmolz mit dem Holz. Wenn der Wind heute durch die Ulmen pfeift und das Holz knarrt, sagen die Einheimischen, es sei der Feenkönig, der gegen sein hölzernes Gefängnis schlägt.
Das unheimliche Paradoxon: Genau wie der Feenkönig wurde auch Bella eins mit dem Baum. Der Baum fraß die Erinnerung.
Das finale, unheimliche Verschwinden
Bella wurde nicht einfach im Wald begraben – sie wurde im Sinne der Folklore den Mächten der Anderswelt übergeben. Und diese Mächte scheinen sie endgültig zu sich geholt zu haben.
Nach den Untersuchungen wurden Bellas Gebeine an eine Universität übergeben. Durch bürokratische Schlamperei und schlechte Archivierung sind sie heute restlos verschwunden. Es existieren keine DNA-Proben mehr.
Bella hat keinen Körper mehr, kein Grab und kein Gesicht. Sie ist wortwörtlich zu dem geworden, was ihr Mörder vermutlich beabsichtigte: zu einem ewigen Geist der englischen Folklore. Und die Ermittler werden wohl bis ans Ende aller Tage im Dunkeln tappen.
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